Februar 23, 2016

Das Leben geht weiter

Ich wurde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren. Ich war die Fahrt über unglaublich panisch. Als ich dann in der Notaufnahme in der kleinen Kabine lag, war ich komischerweise sehr ruhig. Alles was passierte schien einfach an mir vorbei zu gehen, als wäre ich gar nicht wirklich anwesend. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter und mein Freund zwischenzeitlich da waren um mir meine Sachen zu bringen und dass ich zwei Stunden da rumlag.
Ich weiß, dass das ein unglaublich schreckliches Bild ist, aber so sah ich nunmal einen Tag nach der Diagnose aus...

Die ersten zwei Tage im Krankenhaus verbrachte ich dann größtenteils mit schlafen und fernsehen, wenn ich nicht gerade Besuch hatte. Immer wieder kamen die Schwestern herein um meinen Blutzucker zu messen oder mir Insulin zu spritzen. So langsam verstand ich auch, welche Blutzuckerwerte gut und welche schlecht waren. Die Schwestern waren so nett und hatten eine Ärztin zu mir geschickt, die selber Diabetikerin ist, damit sie mir schon mal ein bisschen was erzählen konnte. Sie sprach von Broteinheiten, verschiedenen Pumpen und von Hypo- und Hyperglykämien. Kurz gesagt: ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, was sie mir da erzählte.


Am dritten Tag wurde ich dann morgens zur Diabetes-Schulung gebracht. Es fiel mir schwer mich auf all diese neuen Informationen zu konzentrieren, denn so ganz im grünen Bereich war mein Blutzucker noch nicht wieder und mein Körper hatte sich auch immer noch nicht von der starken Überzuckerung der letzten Zeit erholt.
Wir waren eine kleine Gruppe von sieben Leuten in der Schulung. Ich war die einzige mit Diabetes Typ 1 und auch definitiv die Jüngste, aber dennoch verstand ich mich sehr schnell mit allen. Es war teilweise sogar richtig lustig und die Schwester die die Schulung gemacht hat, war sehr lieb. Wir aßen alle zusammen Frühstück und Mittag und hatten einmal am Tag für 30 Minuten Gymnastik.
Ich lernte, was genau in meinem Körper passierte, oder auch was nicht passierte, erfuhr was diese Broteinheiten sind und wie ich sie berechnete um mir dann die richtige Menge an Insulin spritzen zu können. 
Ich begann das alles zu verstehen und dennoch stellte ich mir selbst immer wieder die Frage: 'Wieso musste gerade ich Diabetes bekommen?'
Süßkram zu essen war immer eine meiner Leidenschaften und jetzt sollte ich mir vor jedem Bonbon auf einmal eine Spritze in den Bauch drücken? Na klasse!

Das Insulin zum Essen spritzte mir am ersten Tag noch die Schwester, jedoch musste ich nun zum allerersten mal alleine bei mir Blutzucker messen und ich werde nie vergessen, was ich für einen Schiss davor hatte, denn bei den Schwestern tat das immer sehr weh. Aber nun bekam ich meine eigene 'Ausrüstung' und damit glücklicherweise auch einen Piekser (Stechhilfe) der nicht so weh tat.

Nach dem ersten Schulungstag, der übrigens acht Stunden ging, meinte die Schwester zu mir, dass ich mir das Insulin am nächsten Tag das erste Mal selber spritzen solle. Da überkam mich dann doch wieder die Panik. Ich habe Nadeln schon immer gehasst! Und jetzt sollte ich mir diese Dinger wirklich tagtäglich selber in den Brauch drücken?! Ich hatte keine Ahnung, wie ich das machen sollte.
Zu meiner Verwunderung bekam ich das Spritzen am nächsten Tag ohne Probleme hin. Es wurde von Mal zu Mal leichter. Allgemein merkte ich von Tag zu Tag, wie es mir besser ging. Die ersten Tage im Krankenhaus hatte ich immer noch Schwierigkeiten beim Stehen und Gehen, aber das wurde immer besser, außerdem konnte ich wieder ohne Brille gucken, obwohl ich auf einmal in Richtung Weitsichtig ging. Das war aber normal, weil im Körper durch die hohen Zuckerwerte noch alles durcheinander war und sich erst alles wieder einpendeln musste. 
So langsam fühlte ich mich wieder richtig gut, ich lernte immer mehr über meinen neuen Lebensbegleiter und wie ich mit ihm umzugehen hatte. 
Das einzige Tief, dass ich in der Woche hatte, war am Donnerstag nach der Schulung wir hatten den ganze Tag über Folgeerkrankungen gesprochen. Das hat mich extrem fertig gemacht und mich das erste Mal nach der Diagnose so richtig in die Realität zurück geholt. Mir wurde zu dem Zeitpunkt erst bewusst, was in den vergangenen Tagen passiert ist und inwiefern sich mein Leben nun ändern würde. Ich hatte angst das alles nicht zu schaffen, ich wusste nicht wie ich außerhalb des Krankenhauses alleine mit dem Diabetes klar kommen sollte. Es schien alles so unglaublich schlimm. Ich telefonierte lange mit meinen Eltern, die mich dann so gut es am Telefon ging, aufgemuntert haben. Den Rest des Tages lag ich nur im Bett, schaute fern und schlief. 



Der Sonnenuntergang an dem Abend 
Ich wusste an dem Abend schon, dass ich am nächsten Tag nach der Schulung fürs Wochenende nach Hause konnte. Auf der einen Seite hab ich mich darauf sehr gefreut, aber die Angst war mindestens genau so groß.

Am Freitag, den Tag meiner Entlassung, wachte ich mit richtig guter Laune auf. Ich hatte entschieden mich darüber zu freuen, dass ich endlich wieder nach Hause durfte.
Die Schulung dauerte an dem Tag eine gefühlte Ewigkeit! Als endlich Feierabend war, wartete mein Freund schon auf mich um mich abzuholen.

Das Wochenende war für mich eine große Herausforderung. Alles alleine machen, ohne das mir jemand über die Schulter guckt und mir sagt, ob das jetzt richtig ist. Aber gut, da musste ich durch. Immerhin konnte ich mir alle Fragen, die am Wochenende noch so aufkamen aufschreiben und diese am Montag dem letzten Schulungstag noch stellen.

Wir nutzten das Wochenende aus und probierten verschiedene Situationen aus, in denen eventuell Fragen auftauchen könnten. 

Am Montag ging ich mit einem guten Gefühl zum letzten Schulungstag, denn ich hatte das Wochenende gemeistert und mir war klar geworden, dass ich keine Angst haben muss und ich das alles schaffen würde.

Februar 06, 2016

Wie alles begann

Im April letzten Jahres hatte ich gerade meine Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit abgebrochen. Ich wollte dann bis zum Anfang meiner neuen Ausbildung, im Sommer, bei meinem Vater aushelfen. Da musste ich viel Auto fahren, so 250 bis 300 km am Tag. Bei der ganzen Fahrerei ist mir immer mehr aufgefallen, dass ich nicht mehr so scharf gucken konnte, mir fiel es schwerer Schilder aus der Ferne zu erkennen und irgendwann waren selbst die Kennzeichen der Autos vor mir mehr Hieroglyphen als Buchstaben. Ich hatte schon vor Jahren eine Brille mit leichten Gläsern bekommen, da es Tage gab an denen ich mal nicht so gut gucken konnte, aber die hat mir nicht mehr wirklich weitergeholfen. Ich war im März schon einmal beim Optiker und hatte einen Sehtest machen lassen, da hatten sich die Werte zwar verändert, aber nicht sonderlich gravierend. Also hab ich mir die Werte zu dem Zeitpunkt auch nicht gemerkt. 
Nun musste sich aber definitiv was geändert haben, also hab ich wieder einen Test machen lassen und siehe da auf dem einen Auge hatte ich -2,7 Dioptrien. Vor ein paar Jahren, als ich die andere Brille bekommen hatte, waren es gerade mal -0,5 Dioptrien. Der Optiker meinte, dass es über mehrere Jahre schon mal passieren kann, dass sich die Sicht so verschlechtert. Das Problem war, dass die Werte von vor einem Monat nicht mehr aufzufinden waren und ich die genauen Dioptrien nicht mehr im Kopf hatte, so dass man hätte vergleichen können. Aber dass die Werte noch vor einem Monat viel besser waren konnte ja gar nicht sein, oder? Also musste bei dem ersten Test ja offensichtlich ein Fehler gemacht worden sein. Wir haben nicht mehr lange drüber nachgedacht und ich hab mir dann eine neue Brille ausgesucht, mit der ich mich dann auch jeden Tag 24/7 wohl fühle. 
Jetzt konnte ich endlich wieder vernünftig für meinen Vater arbeiten und Auto fahren.

Wie ich mich täuschte! Mein Freund war zu der Zeit aus familiären Gründen weg, also blieb ich abends länger wach, weil ich alleine immer noch so ewig vor dem Fernseher sitze.
Am nächsten Tag dann hatte ich beim Auto fahren einen Kampf gegen den Sekundenschlaf. Ich dachte aber nicht lange drüber nach und schob das Ganze auf den mangelnden Schlaf.

Jedoch beunruhigte mich eine andere Sache. Mir fiel jeden Tag aufs Neue auf, dass meine Hüftknochen immer weiter rausstanden oder wurde mein Bauch nur immer flacher? Ich war schon immer sehr dünn, konnte essen so viel ich wollte ohne auch nur ein bisschen zuzunehmen. Also hab ich mich mal auf die Waage gestellt und einen Schock bekommen, den ich mein Leben lang nicht vergessen würde. Ich wog nur noch 42kg! Eine bis zwei Wochen zuvor hatte ich mich drüber gefreut, dass ich endlich die 52kg erreicht hatte und jetzt das. Ich hatte keine Ahnung was mit mir los war, meine Eltern schoben das alles auf den Stress der vergangenen Monate in meiner Ausbildung und da die letzten Monate wirklich sehr stressig waren, klang das ganz plausibel.

Und als wäre das alles nicht genug, hatte ich die Woche über einen Durst, wie noch nie zuvor! Innerhalb von 5 Minuten hatte ich das Gefühl mein Mund würde gleich zu Staub zerfallen oder zerreißen, weil er zu trocken war. Ich hab noch nie wirklich viel an einem Tag getrunken, aber zu der Zeit waren es locker 4 Liter am Tag. Nachts bin ich bis zu 16 Mal aufgestanden, weil ich andauernd auf Klo musste, aber im gleichen Moment auch wieder diesen unausstehlichen Durst hatte. 

An dem einen Freitag kam dann alles extrem zusammen und hat mich fast wahnsinnig gemacht. Morgens bei der Fahrt die Müdigkeit, nebenbei der Durst, dann musste ich noch an so ziemlich jeder öffentlichen Toilette halten und durch den starken Gewichtsverlust war selbst das Treppensteigen in das 1. Stockwerk ein totaler Alptraum für mich geworden. Nach der Arbeit an dem Freitag hab ich bei meinen Eltern erstmal noch ein bisschen geschlafen bevor ich dann nach Zingst gefahren bin, um den halben Getränkebestand des Nettos leer zu kaufen. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen was für das Grillen am Nachmittag mit der Familie meines Freundes einkaufen, aber irgendwie war mein Einkaufswagen nur mit jeder Menge Getränke gefüllt und einem Kräuterbaguette.

Am Nachmittag beim Grillen, auf das ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte, konnte ich kaum was essen, es ging einfach nichts rein. Wenn ich auf die Toilette wollte hatte ich kaum Kraft zum Aufstehen und ich bin des öfteren mitten im Gespräch mit irgendwem eingeschlafen.

Aus Schlafen bestand dann auch der Rest des Tages für mich.

Am nächsten Tag ging gar nichts mehr, ich bin teilweise zusammengebrochen, als ich aufstehen wollte und schlecht war mir auch noch.

So langsam musste ich es mir also eingestehen: irgendwas stimmte nicht mit mir! Also ging es ab zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Ich war noch keine Minute in der Praxis des Doktors, ich hatte ihm gerade erklärt, was los ist, da sagte er die Worte die ich in meinem Leben nie wieder vergessen würde.

"Ich befürchte, dass sie Diabetes haben."

Diesen Moment werde ich nie vergessen! Seine Worte wiederholten sich die ganze Zeit wie ein Echo in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, dass in diesem Augenblick die Welt stillstand und im nächsten ging alles auf einmal so schnell. 
Er piekste mich mit irgendetwas ins Ohrläppchen und hielt mir ein Gerät ans Ohr in dem ein Teststreifen steckte.

"Sie haben einen Blutzuckerwert von 54 mmol/l, sie müssen sofort ins Krankenhaus."

Im nächsten Moment stand schon mein Freund vor mir und ich weinte. Ich wusste nicht, was nun passiert und was es mit den 54 mmol/l auf sich hatte. Nur einer Sache war ich mir sehr sicher: Mein Leben würde ab sofort nicht mehr das Selbe sein.


Damit hab ich mich auf jeden Fall nicht getäuscht. 



Ein paar Wochen nach der Diagnose mit ca. 45kg